Das Geheimnis gesunder Grenzen

„Der Kunde ist König!“, lautet so das Credo einer professionellen IT-Beratung? Nicht, wenn dadurch wiederholt Grenzen überschritten werden! Denn das schadet sowohl der mentalen Gesundheit der Beratenden als auch der Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden. In diesem Artikel erfahrt ihr, welche psychologischen Muster bei fehlender Abgrenzung aktiv werden, wie ihr sie ab jetzt bei euch selbst durchschaut und schließlich Kundenbeziehungen auf Augenhöhe führen könnt.

Der Artikel erschien zuerst in der Java aktuell 02/2026.

Es ist 19:20 Uhr. Chris, seines Zeichens Junior IT-Consultant, will gerade den Rechner herunterfahren. Er freut sich auf den Feierabend mit seinen Kumpels im Gym und ist schon gedanklich dort. Da ertönt der bekannte Teams-Jingle. Der Name des Product Owners (PO) des Kunden blinkt hartnäckig. Was kann der jetzt noch wollen? Chris nimmt den Call an – und wird mit mehreren kurzfristigen Anforderungen konfrontiert. Es gehe um „kritische Punkte“, die natürlich noch vor dem Release morgen umgesetzt werden müssen. Chris weiß, was das heißt: Tschüss Feierabend, hallo Überstunden

Wer kennt solche Situationen nicht? Insbesondere im IT-Consulting wird kundenfreundliches und serviceorientiertes Verhalten von vielen Mitarbeitenden erwartet. Die Ansprechpartner auf Kundenseite vertrösten oder ihnen gar einen Wunsch abschlagen? Das ist für viele Beratende unvorstellbar. Das eigene Privatleben und die Gesundheit hintenanstellen: Das geht dagegen immer wieder erstaunlich leicht. Dabei schlagen häufig zwei Herzen in einer Brust: Auf der einen Seite haben wir den klassischen Wunscherfüller, der die Extrameile geht, zur Not auf dem Zahnfleisch. Auf der anderen Seite ist da diese Stimme, die Einwände erhebt und auf den Feierabend pocht. Doch wem sollte und darf man in solch einer Zwickmühle nachgeben?

Das Work-Life-Balance-Dilemma

Natürlich ist den meisten von uns klar, dass Arbeiten ohne Pause auf Dauer der Gesundheit schadet – Stichwort Burnout. Wir brauchen Pausen, um uns zu erholen, einen klaren Kopf zu bekommen und frische Ideen zu finden. Es ist auch kein Geheimnis, dass es neben der Arbeit noch ein Privatleben gibt, das je nach Lebenssituation Aufmerksamkeit und Energie fordert und im besten Fall auch Spaß verspricht. Warum fällt es vielen Menschen dennoch so schwer, Prioritäten zu setzen und sich abzugrenzen? Schauen wir uns das Beispiel von Chris an:

Chris hat zum einen klassische Ängste, die viele Angestellte kennen: Wenn er nicht performt, könnte er Ärger bekommen. Vom Kunden oder von seinen Vorgesetzten. Im schlimmsten Fall könnte er sogar seinen Job verlieren, fürchtet er. Bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage kein angenehmer Gedanke. Neben solchen extrinsischen Bedrohungen existieren auch intrinsische: Chris hat Sorge, dass er nicht ausreichend Anerkennung bekommt und als Versager dasteht. Gegenüber all dem, was Chris vermeiden möchte, stehen aber auch große Ziele und Hoffnungen: Er will noch Karriere machen, befördert werden und eine Gehaltserhöhung bekommen. Außerdem treibt ihn innerlich der Wunsch nach Perfektion an. Er behält dabei auch gerne die Kontrolle. Also macht er alles zu 150 Prozent und am liebsten allein, was die Arbeitslast entsprechend erhöht.

Gründe für fehlende Abgrenzung

Gründe für fehlende Abgrenzung

Feuer und Flamme oder schon Burnout?

Das Tückische an Beispielen wie dem von Chris ist der Faktor des Unbewussten. Wir haben meist nicht klar vor Augen, was uns innerlich so sehr antreibt oder ängstigt, dass wir darüber Dinge wie Sport, Freunde und Familie vernachlässigen und das Stress-Level ungehindert steige lassen. Es fühlt sich auch gut an, wenn wir helfen können und gebraucht werden. Das Projekt macht Spaß und fordert uns heraus – bis es kippt und zu einer Überforderung wird, weil die Energiereserven nicht mehr ausreichend aufgetankt werden. Dass dieser schleichende Prozess voranschreitet, wird bei den meisten Menschen an ganz konkreten Symptomen sichtbar:

  • Die Gedanken kreisen um die Arbeit
  • Das Ein- und Durchschlafen fällt schwer
  • Kopf und Nacken schmerzen
  • Der Appetit verändert sich
  • Freizeit und soziale Kontakte leiden
  • Ein Gefühl von Überforderung stellt sich ein
  • Es scheint keine Handlungsalternativen zu geben

In meiner Beratungspraxis sehe ich viele Menschen mit diesen Beschwerden, die lernen wollen, wie sie ihre Work-Life-Balance wieder herstellen. Auch im Trainingskontext berichten Teams vermehrt von Überlastung, die durch ständige Erreichbarkeit, kurzfristige Umpriorisierungen und ungeplante Ad-hoc-Anfragen zusätzlich verstärkt wird. Kurzfristig erlernbare Lösungen wie besseres Zeitmanagement und Entspannungsmethoden helfen den Betroffenen akut. Um das Grundproblem zu lösen, bedarf es aber ehrlicher (und daher manchmal ungemütlicher) Selbstreflexion.

Die Geburtsstunde des Ja-Sagers

Was Menschen aktuell dazu verleitet, Ja zu sagen und über ihre Grenzen zu gehen, haben wir schon gesehen. Warum entwickeln manche Personen aber solche Tendenzen – und andere nicht? Hier hilft ein Blick in die Biografie und ins aktuelle Umfeld: Von Bezugspersonen lernen wir von Kindesbeinen an, welches soziale Verhalten von uns erwartet wird. Je nach Erziehungsstil wird Gehorsam mehr oder weniger belohnt beziehungsweise Ungehorsam bestraft. Das kann auch sehr subtil durch Nudging erfolgen und lässt sich tatsächlich gar nicht vollständig vermeiden. Denn als Kind machen wir natürlich das, was uns die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Erziehenden sichert. Das ist pure Überlebensstrategie. Kritisch wird es spätestens, wenn wir uns als Erwachsene noch immer nach Zuneigung sehnen und unsere eigenen Bedürfnisse leugnen, um anderen zu gefallen. Dieses People Pleasing hat zu einem gewissen Grad Vorteile, wenn es zur Beliebtheit beiträgt. Es kann aber auch dazu führen, dass andere Personen immer mehr fordern, weil sie bemerken, dass hier viel zu holen ist. So auch bei Chris:

Dass der PO Chris anruft, ist nicht das erste Mal. Er weiß, wen er abends noch erreichen und mit Sonderwünschen beauftragen kann. Leider variieren diese Wünsche zu manchen Zeiten recht häufig. Das frustriert Chris. Wo er anfangs noch voll Enthusiasmus das Unmögliche möglich gemacht hat, fühlt er sich nun nur noch ausgelaugt. Es ist ein Fass ohne Boden, das er aufgemacht hat. Wenn er nur wüsste, wie er aus der Nummer wieder rauskommt!

Falsche Vorbilder

In früher Jugend konditioniertes Ja-Sagen ist nur ein Teil der Faktoren, die Abgrenzung erschweren. Auch im aktuellen Umfeld finden sich bei den meisten Fällen Gegebenheiten, die das Problem aufrechterhalten. Oft in den eigenen Team-Reihen oder mit Blick auf die Vorgesetzten. Denn diese leben vor, wie es (nicht) geht. Ist der Team Lead auch am Wochenende und spät abends erreichbar, scheint dieses Verhalten auch bei den Teammitgliedern erwünscht und wird unbewusst abgeschaut.

Zusätzlich kann noch ein falsch verstandenes Wettbewerbsdenken hinzukommen. Wenn Überstunden und Extrameilen eine Art Status-Symbol sind und unter Kolleginnen und Kollegen bewundert werden, facht dies das Feuer noch mehr an.

Wege aus der People-Pleasing-Falle

Ob frühere oder heutige Konditionierung: Sich über die Ursprünge und die dahinterliegenden Bedürfnisse klar zu werden, kann ein echter Augenöffner sein. Fangen wir an, uns zu beobachten und zu reflektieren, erkennen wir:

  • In welchen Situationen wir uns schlecht abgrenzen können.
  • Bei welchen Personen wir häufiger Ja sagen und Nein denken.
  • Welche Sorgen oder Hoffnungen dahinterstecken.

Hilfreich ist die Frage, was wir uns davon versprechen, wenn wir anderen ständig entgegenkommen und über unsere Grenzen gehen. Ein Gefühl der Zugehörigkeit? Lob und Anerkennung? Meist sind es solche Sehnsüchte nach Bestätigung. Als Kinder können wir uns diese Bestätigung nicht selbst geben und sind auf andere (Autoritäts-) Personen angewiesen. Als Erwachsene wäre es allerdings fatal, sich ständig von der Anerkennung anderer abhängig zu machen und sich dafür zu verbiegen und zurückzustellen. Also lassen wir das People Pleasing doch einfach sein!

Alte Muster umlernen

Ganz so einfach ist es leider nicht. Wer schon einmal versucht hat, ein unerwünschtes Verhalten zu ändern, kennt das sicher. Bevor wir etwas loslassen können, muss erst ein neues attraktiveres Ziel am Horizont erscheinen. Typische Beispiele: die Trauer um einen verlorenen Job schwindet mit der neuen Stelle, Doomscrolling ist nicht mehr relevant, wenn ein neuer Freundeskreis lockt, der Rauchstopp gelingt leichter, wenn die Motivation wirklich klar vor Augen steht.

Beim Setzen von Grenzen funktioniert es genauso: Soll das alte Verhalten (Grenzen überschreiten, um Anerkennung zu erhalten) abgelegt werden, muss erst ein neues Verhalten erlernt werden. Wenn der Wunsch nach Anerkennung hinter dem Ja-Sagen steckt, muss die Anerkennung also zunächst aus einer anderen Quelle sprudeln.

Versteckte Bedürfnisse erkennen

Gründe für fehlende Abgrenzung

Drei Hacks aus der Coaching-Kiste

Wo bekommt jemand wie Chris Anerkennung her, wenn er sie sich nicht mehr durch andere Personen holen soll? Und wie verhindert er, dass er in alte Muster zurückfällt? Dafür empfehle ich euch drei konkrete Tools, die jeweils für sich und in Kombination noch stärker wirken:

  1. Proudness-Journaling
  2. Erlaubnis-Training
  3. Grenzen-Tracking

1. Proudness-Journaling: Worauf bin ich stolz?

Im Resilienz-Training ist das Dankbarkeitstagebuch eine gängige Methode, um Optimismus und Wertschätzung zu trainieren. In Anlehnung an diese Methode empfehle ich ein „Darauf-bin-ich-stolz-Tagebuch“. Jeden Abend notiert ihr darin mindestens drei Dinge, auf die ihr stolz seid. Das können größere Erfolge und erreichte Ziele sein, aber auch alltägliche Dinge und Verhaltensweisen. Wichtig ist, dass ihr sie selbst „erzeugt“ habt. Das ist auch der entscheidende Unterschied zu Dankbarkeitstagebüchern, in denen schnell Dankbarkeit für schönes Wetter steht, was außerhalb unseres Einflusses liegt.

In der Stolz-Variante geht es dagegen darum, sich selbst vor Augen zu führen, was wir jeden Tag leisten und uns selbst dafür Wertschätzung entgegenzubringen. Wer dies zwei Wochen lang täglich durchführt, wird bald einen Unterschied merken und sich selbstbewusster und zufriedener fühlen – unabhängig vom Lob anderer. Und: An schlechten Tagen hilft das Blättern in den vorherigen Einträgen, um uns wieder kraftvoll und zuversichtlich zu fühlen.

 Abgrenzung lernen & Selbstbewusstsein stärken

Hier findest du weitere Ideen für Journaling, für das Gestalten von Beziehungen und das Setzen gesunder Grenzen. Das Übungsbuch hilft dir, deine Work-Life-Balance schnell zu verbessern und langfristig im Gleichgewicht zu halten.

2. Erlaubnis-Training fürs Grenzen-Setzen

Gerade in hektischen Phasen geraten wir schnell in Stress und verfallen dann automatisch in alte Muster. Das Beispiel von Chris zeigt es gut: Kurz vor Feierabend ist er nicht mehr so konzentriert, dass er die Situation mit kühlem Kopf analysieren und sich bewusst abgrenzen kann. Im Stress-Modus sagt er ganz automatisch Dinge zu, die er eigentlich auf einen späteren Zeitpunkt verschieben oder sogar ganz ablehnen möchte. Damit das nicht passiert, hilft das Einüben von Erlaubersätzen, auch als Affirmationen bekannt, die täglich geübt werden sollten. Damit sind keine „Ich schaffe alles, was ich will“-Phrasen gemeint. Es geht vielmehr darum, den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern, indem wir alte, ungünstige Glaubenssätze und Innere Antreiber durch hilfreichere neue Gedanken ersetzen.

Im Beispiel von Chris kann das so aussehen: Bisher war er der Überzeugung, dass „Wer A sagt, muss auch B sagen“ gilt. Somit muss er in seiner eigenen Logik alle Kundenwünsche erfüllen, wenn er einmal ein Projekt begonnen hat. Hilfreicher wäre für ihn folgender Satz: „Ich darf mir Zeit einräumen.“ Damit verschafft er sich eine Pause, in der er prüfen kann, ob er dafür realistisch Kapazitäten hat oder ob eine Neupriorisierung erforderlich wäre. Andere hilfreiche Sätze können sein:

  • „Ich darf auch für mich sorgen.“
  • „Ich setze professionelle Grenzen.“
  • „Ein Nein zu anderen ist ein Ja zu mir.“

Das sind Serviervorschläge. Ich empfehle jeder Person, ihre eigenen Sätze zu entwickeln und durchaus auch täglich mit leichten Variationen zu spielen. Auch ob diese Sätze auf Notizzetteln am Bildschirm kleben oder morgens vor dem Spiegel gedacht, gesagt oder gesungen werden, bleibt eine individuelle Entscheidung. Der Effekt stellt sich nach zwei bis drei Monaten ein. Es braucht also etwas Geduld.

3. Tracking: Fortschritte sehen und schätzen

Wer analytisch unterwegs ist, wird diesen Tipp lieben: Man kann den eigenen Fortschritt sehr schön tracken, indem man Situationen sammelt, in denen die Abgrenzung gut oder zumindest besser gelungen ist als früher. Auch eine Skala, auf der man die eigene Fähigkeit zum Grenzen setzen einschätzt, kann das schön veranschaulichen. Je nach Vorliebe lässt sich das auf Papier festhalten oder auch in Apps oder selbstprogrammierten Dashboards.

Gleichzeitig lenkt das Tracken der Erfolgserlebnisse den Fokus auf die Situationen, die funktionieren. Das ist für viele Menschen eine neue Perspektive und kann die Motivation deutlich steigern.

Challenge your Customer

Wer bis hier gelesen hat, fragt sich vielleicht schon eine Weile, ob man Kunden ein „Nein“ überhaupt zumuten darf. Tatsächlich ist die Antwort „Ja!“ Gerade im Consulting werden Beratende wegen ihrer Expertise gebucht. Der Kunde zahlt also für die ehrliche Einschätzung der Lage. Wenn Extra-Wünsche außerhalb des vereinbarten Scopes liegen oder nur über einen Change Request realistisch umsetzbar wären, gehört es zur professionellen Rolle, dies offen zu spiegeln. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität. Und es erfordert Mut, keine Frage. Denn die Sorge, dass der Kunde bei einem „Nein“ verärgert ist, schwingt bei vielen mit, die vor dieser Herausforderung stehen.

Paradoxerweise tritt viel häufiger das Gegenteil ein: Kunden sind dankbar für die ehrliche Antwort. Denn wiederkehrende Extrawünsche oder Meinungswechsel sind ein Zeichen von Unsicherheit. Ein klares, wertschätzend formuliertes „Nein“ gibt dagegen Sicherheit und schafft eine Partner-Beziehung auf Augenhöhe, die nachhaltig wachsen kann.

Julia Pedak: Work-Life-Balance Coaching & Beratung

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